Potsdam braucht mehr Genossenschaft: Fahrradtour zeigt 100 Jahre Wohn- und Stadtgeschichte

Unter dem Motto „Potsdam braucht mehr Genossenschaft!“ haben die Potsdamer Wohnungsgenossenschaften am 4. September 2026 zu einer gemeinsamen Fahrradtour durch die Stadt eingeladen.

Genossenschaftstag 2026 , Bild: Josephine Braun

Die Route verband sechs Orte, die beispielhaft für die Entwicklung genossenschaftlichen Wohnens in Potsdam stehen – von frühen Reformideen des 20. Jahrhunderts über den Wohnungsbau der DDR bis hin zu aktuellen Projekten in der Potsdamer Mitte.

Rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, verschiedene Wohnquartiere kennenzulernen und mit Vertreterinnen und Vertretern der Genossenschaften über aktuelle Herausforderungen wie bezahlbaren Wohnraum, Klimaschutz, Wärmewende und Denkmalschutz ins Gespräch zu kommen.

Auftakt in der Siedlung am Schillerplatz

Startpunkt war die denkmalgeschützte Siedlung am Schillerplatz der WBG Potsdam-West eG. Die Wohnanlage mit ihren charakteristischen gelben Klinkerfassaden entstand in den 1930er-Jahren und umfasst heute 501 Wohnungen.

Vor Ort wurde deutlich, welche Herausforderungen mit dem Erhalt historischer Wohnquartiere verbunden sind. Denkmalgeschützte Gebäude erfordern häufig aufwendige Abstimmungen bei Sanierungen und Modernisierungen. Gleichzeitig zeigen sie, wie hochwertig und nachhaltig viele genossenschaftliche Wohnanlagen bereits vor fast 100 Jahren geplant wurden.

Neustädter Havelbucht: Moderne Wohnqualität im Bestand

Anschließend führte die Tour zur Neustädter Havelbucht der WG „Karl Marx“ Potsdam eG. Die Wohngebäude aus DDR-Zeiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten umfassend modernisiert und an heutige Anforderungen angepasst.

Die Teilnehmenden erfuhren, wie durch kontinuierliche Investitionen moderne und lebenswerte Wohnquartiere entstehen können, ohne den Charakter der ursprünglichen Architektur aufzugeben. Besonders die abgestimmte Farbgestaltung der Gebäude verdeutlicht den hohen gestalterischen Anspruch der Quartiersentwicklung.

Station: Einsiedelei, Genossenschaftstag 2026 I Bild: Josephine Braun

Einsiedelei: Ein Denkmal wird wieder lebendig

Ein besonderer Höhepunkt der Tour war die restaurierte Einsiedelei der PWG 1956 eG am Ruinenberg. Das denkmalgeschützte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert wurde in den vergangenen Jahren aufwendig saniert und ist heute für Veranstaltungen geöffnet.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten sich vor Ort ein Bild davon machen, wie aus einem historischen Kleinod wieder ein Ort der Begegnung entstehen konnte. Die Einsiedelei steht exemplarisch für das Engagement der Genossenschaften beim Erhalt historischer Bausubstanz und der Verbindung von Denkmalschutz und gesellschaftlicher Nutzung.

Am Schragen: Gartenstadtidee und Nachbarschaft

Weiter ging es zur Siedlung „Am Schragen“, ebenfalls im Bestand der PWG 1956 eG. Die in den 1920er-Jahren errichtete Gartenstadtsiedlung orientiert sich an reformorientierten Ideen des genossenschaftlichen Wohnungsbaus und an den architektonischen Vorstellungen von Bruno Taut.

Vor Ort wurde deutlich, wie lebendig solche Quartiere bis heute geblieben sind. Die denkmalgeschützte Siedlung steht für stabile Nachbarschaften, langfristige Wohnperspektiven und generationenübergreifendes Zusammenleben.

Station: Nauener Vorstadt, Genossenschaftstag 2026 I Bild: Josephine Braun

Nauener Vorstadt: Historische Wohnquartiere mit Zukunft

In der Nauener Vorstadt präsentierte die WBG 1903 Potsdam eG ihre historischen Wohnanlagen. Bereits kurz nach ihrer Gründung im Jahr 1903 begann die damalige Genossenschaft mit dem Bau der ersten Wohnhäuser in diesem Quartier.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfuhren, dass schon die Gründer der Genossenschaft moderne Vorstellungen vom Wohnen verfolgten. Licht, Luft, Sonne und Gemeinschaft waren zentrale Leitgedanken. Viele dieser Ideen sind bis heute aktuell und prägen weiterhin das genossenschaftliche Selbstverständnis.

Finale in der Potsdamer Mitte

Den Abschluss bildete die neue Potsdamer Mitte am Alten Markt. Aufgrund einsetzenden Regens wurde der letzte Teil der Veranstaltung in das Potsdam Museum verlegt.

Hier wurde sichtbar, wie sich Wohnungsgenossenschaften heute an zentralen Stadtentwicklungsprojekten beteiligen. Die WG „Karl Marx“ Potsdam eG hat am Alten Markt ein Wohn- und Geschäftshaus mit Wohnungen und Gewerbeflächen errichtet. Gleichzeitig entwickelt die PWG 1956 eG weitere Gebäude in der Anna-Zielenziger-Straße.

Die Projekte zeigen, dass Genossenschaften nicht nur Wohnraum schaffen, sondern aktiv an der Gestaltung der Stadt mitwirken. Historische Architektur, moderne Wohnformen, Einzelhandel, Dienstleistungen und soziale Verantwortung werden dabei miteinander verbunden.

Oberbürgermeisterin Noosha Aubel, Genossenschaftstag 2026 I Bild: Josephine Braun

Wohnungsgenossenschaften als wichtige Partner der Stadtentwicklung

Zum Abschluss richteten Potsdams Oberbürgermeisterin Noosha Aubel sowie Matthias Brauner vom BBU Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. das Wort an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Die Oberbürgermeisterin würdigte die Wohnungsgenossenschaften als verlässliche Partner der Landeshauptstadt und hob deren Beitrag für bezahlbares Wohnen und stabile Nachbarschaften hervor.

Matthias Brauner verwies auf die aktuellen Herausforderungen der Branche. Steigende Baukosten, höhere Zinsen, die Wärmewende, Klimaschutzanforderungen und Denkmalschutz müssten künftig mit der Bezahlbarkeit des Wohnens in Einklang gebracht werden.

Ein Blick in Vergangenheit und Zukunft

Die Fahrradtour machte eindrucksvoll deutlich, wie eng die Entwicklung Potsdams mit ihren Wohnungsgenossenschaften verbunden ist. Von den ersten Reformwohnanlagen über Nachkriegssiedlungen bis hin zu aktuellen Stadtentwicklungsprojekten prägen Genossenschaften seit mehr als einem Jahrhundert das Gesicht der Stadt.

Der Potsdamer Genossenschaftstag zeigte dabei nicht nur die Geschichte des genossenschaftlichen Wohnens, sondern auch dessen Zukunft: bezahlbar, nachhaltig, gemeinschaftlich und fest verankert in der Stadtgesellschaft.